Pädagogik

 
 

Waldkindergarten

Darmstadt e.V.

Die Wände so weit wie die ganze Welt

1.Situationsorientierter Ansatz

„Kinder sollen mehr spielen, als viele es heutzutage tun. Denn wenn man genug spielt, solange man klein ist, dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später ein ganzes Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme Welt zu haben, die einem Kraft gibt, wenn das Leben schwer wird. Was auch geschieht, was man auch erlebt, man hat diese Welt in seinem Inneren, an die man sich halten kann.“
 (Astrid Lindgren)

 

Der situationsorientierte Ansatz ist die Grundlage für das pädagogische Handeln im Waldkindergarten. Hierbei geht es darum, Kinder in ihrer Lebenswelt zu autonomem und kompetentem Handeln zu befähigen und damit auf zukünftige Lebensanforderungen vorzubereiten.
Der Ausgangspunkt ist dabei das Gruppengeschehen, das sich aus den unterschiedlichen Lebenssituationen der Kinder zusammensetzt. ErzieherInnen als Teil der Gruppe nehmen hierbei eine beobachtende und steuernde Rolle ein. Selbstverständlich gelten Regeln, die das gute Miteinander in der Gruppe ermöglichen.
Wichtig für die Arbeit nach dem situationsorientierten Ansatz sind individuelle Freiräume, in denen die Kinder ihre Bedürfnisse und Ideen wahrnehmen und ihnen nachgehen können. Um Vertrauen und Mut in sich selbst finden zu können, sollen die Kinder sich in aktiven und selbstbestimmten Handlungs- und Erfahrungsräumen lustvoll mit den vielseitigen Dingen des Lebens auseinandersetzen können. Dadurch wird ein Prozess der wachsenden Lebenskompetenz in Gang gesetzt, zu dessen Unterstützung es wichtig ist, dass die Kinder ernst genommen werden und wir ihnen da begegnen, wo sie sich befinden, um sie dort nach ihren Anlagen und Fähigkeiten zu fördern. Dabei soll die Entwicklung verschiedener Kompetenzen unterstützt werden: Selbstkompetenz, soziale Kompetenz und Sachkompetenz.

Selbstkompetenz:

Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit, sich selbst wahrnehmen und entfalten zu können, d. h. eigene Gefühle, Bedürfnisse und Interessen erkennen und äußern zu können. Dabei geht es auch darum, eigene Grenzen zu erkennen, Ideen und Entscheidungen selbstbewusst und verantwortlich ausprobieren und umsetzen zu lernen und ggf. Andere um Hilfe zu bitten.
Dazu gehört auch die Fähigkeit, in individuellen Freiräumen eigene — anstatt vorgegebene — Erfahrungen machen zu können, sowie zu lernen, wie man lernt: eigene Lösungswege zu finden, sich neues Wissen zu beschaffen und zu verarbeiten, eigene Fehler zu entdecken und zu korrigieren, eigene Leistungen zutreffend einschätzen zu können und zu würdigen. Wichtig ist hier die Förderung eines positiven Selbstwertgefühls als Motivation für selbstbestimmtes Handeln.

Soziale Kompetenz:

Hier geht es um die Fähigkeit, eine eigene Rolle in der Gruppe einzunehmen, eigene Interessen in der Gruppe zu vertreten, aber auch, die anderer zu respektieren und deren Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Die Kinder sollen lernen, Absprachen zu treffen und einzuhalten, sowie Geduld und Rücksichtnahme zu üben.
In Konflikten der Kinder untereinander unterstützen die ErzieherInnen einen positiven Ausgang, indem alle Beteiligten ihr Erleben schildern können und gemeinsam nach Lösungen gesucht wird, mit der alle Beteiligten einverstanden sind. Die Kinder sollen Konsequenzen für ihr Handeln erfahren, sich entschuldigen und trösten, wenn sie andere verletzten, zerstörte Sachen reparieren oder zur Wiedergutmachung einen Wunsch erfüllen. Dadurch lernen die Kinder, für ihr Handeln Verantwortung zu übernehmen und dass Konflikte und Fehler machen zum Leben dazugehören.
Wenn Absprachen nicht eingehalten werden, werden die Grenzen für die betreffenden Kinder enger gesteckt.
Vor Allem geht es darum, sich als Teil einer Gruppe zu erleben, Lust und Spaß am gemeinsamen Tun zu haben und die Gemeinschaft als etwas zu erfahren, das uns stark und glücklich machen kann, wenn wir z. B. als Viele etwas erreichen, was einer allein nie geschafft hätte. Das gemeinsame Singen, Spielen und Lösen von Aufgaben, aber auch die Anteilnahme der Kinder am Schicksal jedes Einzelnen (z.B. wenn ein Kind traurig ist) und an Ereignissen in der Gruppe fördern das Gruppengefühl.

Sachkompetenz:

Hierbei geht es um das Erlangen von Wissen und Fertigkeiten, das sich die Kinder durch Betrachten, Beobachten, Erforschen und Ausprobieren aneignen. So lernen die Kinder ihren Bedürfnissen, Neigungen und ihrer Entwicklung entsprechend Lebenszusammenhänge in der Natur und in ihrer Umwelt kennen, sowie den Umgang mit Werkzeug und verschiedenen Materialien. Die Themen ergeben sich aus den Fragen und Interessen der Kinder, sowie durch Anregungen der Erzieherinnen. Die Kinder werden unterstützt in ihrem natürlichen Bedürfnis, spielerisch lernen zu wollen. Im Freispiel sowie in Angeboten haben die Kinder die Möglichkeit, lebensnah mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu erkunden und so in unterschiedlichen Situationen das zu lernen und verstehen, was sie „begreifen“ wollen.

Für den pädagogischen Alltag bedeutet der situationsorientierte Ansatz eine offene und flexible Planung, d.h. ein organisatorisches und inhaltliches Grundgerüst nach den Interessen und möglichen Lebensnotwendigkeiten der Kinder zu bauen, gleichzeitig aber offen für Verlauf und Ergebnis zu sein. Die Planung muss so gestaltet sein, dass sie auf nicht planbare Situationen reagieren kann, ohne den pädagogischen Faden zu verlieren.

Freispiel:

Gerade in unserer Zeit der Reizüberflutung und des enormen Konsums brauchen Kinder Zeit für sich selbst. Deshalb nimmt das Freispiel einen besonders hohen Stellenwert ein. Die Kinder können im Freispiel ohne die Vorgaben von Erwachsenen ihren Lüsten und Kräften nachgehen und ihre Inhalte allein und gemeinsam ausleben und verarbeiten. Gerade Kinder, die es gewohnt sind, in ihrem Spiel sehr stark von Erwachsenen animiert zu werden, tun sich anfangs schwer damit, sich selbst etwas zum Spielen auszudenken. Hierbei sind der Kontakt mit den anderen Kindern und die Hinführung der pädagogischen Fachkräfte zum eigenständigen Spiel sehr heilsam.
Im Freispiel findet im besonderen Maße soziales Lernen statt, die Kinder unterstützen sich gegenseitig bei Lösungsversuchen verschiedenster Art. Gerade für größere Kinder (ab 5 Jahren) wird auch das von Erwachsenen unbeobachtete Spiel immer wichtiger. Sie möchten vermehrt eigene Erfahrungen machen und erhalten diesen Freiraum auch, allerdings nur unter der Bedingung, dass die ErzieherInnen wissen, wo sie sich aufhalten.
Die Rolle der ErzieherInnen beim Freispiel ist es, die individuellen und sozialen Prozesse in der Gruppe zu beobachten und zu reflektieren. Daraus wird das weiterführende pädagogische Handeln mit kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen abgeleitet.

Projektarbeit:

Für das lebensnahe Lernen eignet sich besonders gut die Projektarbeit, da sie eine vielseitige und zusammenhängende Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themen und Sachverhalten ermöglicht. Hierbei werden über einen längeren Zeitraum zu einem bestimmten Thema, das die Kinder besonders interessiert oder sich im Zusammenhang ergibt, immer wieder neue Informationen beigesteuert, Geschichten, Lieder, Bilder, Ausflüge und sonstige Aktionen hinzugezogen.

Ausflüge:

Ausflüge bieten viele Gelegenheiten, über die eigenen Türschwellen hinauszugehen, um andere Einrichtungen, Institutionen und städtische Begebenheiten kennen zu lernen. Hierbei gilt es, sensibel auszuloten, wo es sinnvoll ist, den Erfahrungshorizont der Kinder auszuweiten und wo blinder Aktivismus, Reizüberflutung und Konsumzwang anfangen. Diese Entscheidungen treffen im Kindergartenzusammenhang die ErzieherInnen nach ihrem Erfahrungs- und Wissenshorizont unter Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Zusammenhänge und gruppendynamischer Prozesse. Auch spontane Aktivitäten sind hierbei nicht ausgeschlossen, wenn z. B. eine unerwartete Situation auftritt. Da im Wald nicht das Verhalten im Straßenverkehr kennen gelernt und eingeübt werden kann, werden die Ausflüge zur Verkehrserziehung genutzt, wie z.B. das Fahren mit Bussen, Zügen und Straßenbahnen, das Laufen durch die Stadt, auch über verkehrsreiche Straßen. Hierbei werden die Kinder auf Straßenschilder, Verkehrs- und Verhaltensregeln aufmerksam gemacht.

Eingewöhnung in den Kindergarten


Zur Eingewöhnung der neuen Kinder in den Waldkindergarten ist die Mitarbeit der Eltern unbedingt erforderlich. Nur wenn eine Bezugsperson des Kindes in den ersten Tagen je nach Einzelfall ganz oder teilweise anwesend ist, kann sich das Kind von einer sicheren Basis aus der neuen Umgebung und den ErzieherInnen zuwenden und eine vertrauensvolle Beziehung zu den ErzieherInnen aufbauen. An dem im frühen Sommer stattfindenden Elternabend für die „neuen“ Eltern werden diese darüber informiert, dass die begleitende Bezugsperson in den ersten 2 Wochen der Kindergartenzeit nach Möglichkeit vormittags Zeit haben sollen, um ihr Kind so lange wie nötig begleiten zu können. (Auch wenn in der Regel ein paar Tage zur Eingewöhnung ausreichend sind, sollte ein Spielraum von mindestens 2 Wochen vorhanden sein, um eine gute Eingewöhnung auch im Falle von Erkrankungen erreichen zu können!)

Ein Schnuppertag vor den Ferien ist eine gute Gelegenheit, einen ersten Eindruck voneinander zu bekommen und noch etwaige Fragen zu klären.

Die ersten ein bis drei Tage sollte die Bezugsperson komplett anwesend sein können. Bei der ersten Trennung von der Bezugsperson sollte diese erreichbar bleiben, um im Notfall (wenn sich das Kind von der Erzieherin nicht beruhigen lässt) schnell herbeigerufen werden zu können.
Erst wenn die Erzieherin für das Kind die Funktion einer sicheren Basis übernehmen kann (dies bedeutet, dass sich das Kind von ihr trösten und beruhigen lässt), ist die Eingewöhnung erfolgreich abgeschlossen.

Die mittleren und die älteren Kinder übernehmen in den ersten Wochen jeder ein Patenamt, so dass jedes neue Kind Idealerweise zwei Paten hat, die ihm behilflich sind und die es unterstützen.
Die Gruppe geht in der Anfangszeit nur zu wenigen ausgewählten Plätzen und frühstückt im Kreis, um den neuen Kindern einen sicheren Rahmen zu geben.


Schulvorbereitung und Übergang zur Schule


Die Vorbereitung auf die Schule sollte langfristig sein und beginnt mit dem Eintritt in den Kindergarten. Wir verstehen unsere Arbeit aber nicht als explizite Vorbereitung auf Schulleistung. Der Waldpädagogische Ansatz fördert in besonderer Weise Bewegung, Sinneswahrnehmung und Sprache (siehe Absatz 2.).

Vorschulerziehung bedeutet Förderung und Entwicklung von Basiskompetenzen, die die Kinder befähigen, den Übergang vom Kindergarten zur Schule gut zu bewältigen. Zu Basiskompetenzen gehören z. B.:

– die Fähigkeit zu Konflikt- und Problemlösung

– die Fähigkeit zu Kooperation in der Gruppe

– die Fähigkeit zu Eigenverantwortung

– die Fähigkeit zu Ausdauer und Konzentration

– die Fähigkeit zu selbständigem Handeln

Für die Kinder im letzten Kindergartenjahr finden deshalb folgende Aktivitäten und Rituale statt:

– Schnuppertag in der Schule (insofern dies von Seiten der Schule ermöglicht wird)

– Projekte, die zum Ziel haben, einer Sache „auf die Spur“ zu kommen

– zunehmendes Übertragen von Aufgaben im Alltag, die Eigenverantwortung und Selbständigkeit fördern

– spielerisch „Schule“ zum Thema machen (Schule spielen)

– über Gefühle in Bezug auf die Schule und den Abschied sprechen

– eine Kindergartenübernachtung als Angebot zur Bewältigung einer neuen Herausforderung

– Gestaltung des Abschieds mit verschiedenen Ritualen

– Abschiedsfest mit „Rausschmiss“

– Gestaltung von Abschiedsgeschenken

In Kooperativen, an denen die pädagogischen Fachkräfte mitwirken, stehen Schule und Kindergärten in einem gemeinsamen Austausch über ihre jeweiligen Arbeitsinhalte mit dem Ziel, gemeinsam Grundlagen zu schaffen, um den Übergang in die Schule zu bewältigen. Gemeinsame konkret geplante Aktionen sind zum Beispiel der Schnuppertag, der Kennlerntag und der Elternabend an der Schule.

Außerdem führen wir im Hinblick auf Schulfähigkeit mit den Eltern der zukünftigen Schulkinder ein Elterngespräch, um eventuellen Förderbedarf zu vereinbaren.

Die ErzieherInnen schaffen den Rahmen, um die Entwicklung der Kinder bestmöglich zu fördern. Sie verzichten auf die Rolle als Allwissende und lassen sich auf offene Prozesse ein. Sie beobachten die Eigenregie der Kinder. Sie unterstützen die individuellen und gemeinsamen Prozesse und fördern die Kommunikation und Gespräche in Kleingruppen, die im situativen Arbeiten eine wesentliche Rolle spielen. Sie versuchen, die vielen Fäden miteinander zu verknüpfen, um den Möglichkeiten eigener Lösungswege Raum zu geben. Dabei geben sie immer auch neue Impulse und Anregungen.


2. Wald- und naturpädagogischer Ansatz

Im Rahmen des situationsorientierten Ansatzes werden die Inhalte der Wald- und Naturpädagogik umgesetzt. Der Wald und die ihn umgebende Natur als unser Spiel- und Lebensraum bietet Kindern zahlreiche Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Wald- und Naturpädagogik dient dazu, diese Möglichkeiten bewusst und spielerisch den Kindern zu erschließen. Hierbei wird die Natur genutzt; gleichzeitig werden die Kinder für das Geschehen in der Natur sensibilisiert. Da unser Grundstück wichtige alternative Naturerfahrungen zum Wald bietet, bleiben wir dort in der Regel 1x wöchentlich.

Bewegung sowie Sinnes- und Naturerfahrungen sind wichtige Grundbedingungen zur Förderung der Entwicklung eines Kindes. Hierfür bieten der Wald und die Natur mit ihren vielfältigen Reizen einen besonders weiten Erfahrungsraum, der die Bewegungslust fördert und für Sinneswahrnehmungen sensibilisiert.
Um differenziert wahrnehmen zu können, zur Förderung der Konzentrationsfähigkeit und für das Finden von innerer Ruhe ist Stille wichtig. Der Wald und die Natur bieten ideale Möglichkeiten zum Lauschen und um feinste Wahrnehmung zu sensibilisieren.
Durch das unmittelbare Erleben der Wechsel der Jahreszeiten, des Wachsens und Sterbens in der Natur lernen die Kinder intuitiv, dass alles seine Zeit braucht, dass Ruhe (Winterschlaf) nötig ist, um neues Wachsen entstehen zu lassen. Die Wechselhaftigkeit des Wetters annehmen zu lernen, steht im Zusammenhang damit, auch unsere eigene Wechselhaftigkeit als Ausdruck unserer Lebendigkeit annehmen zu lernen. Durch die Nähe zur Natur wird außerdem das Interesse der Kinder an den Vorgängen in der Natur geweckt, was ihren Wissenshorizont erweitert.
Wichtiger Aspekt des Waldkindergarten ist der Verzicht auf Spielzeug. Spielzeug lässt meist nur begrenzte Spielmöglichkeiten zu, während Naturmaterial freies Assoziieren von Spielmöglichkeiten zulässt und damit die Phantasie und Kreativität der Kinder wesentlich stärker fordert und fördert. Auch lernen Kinder, die mit weniger Spielzeug auskommen, kleine Dinge zu schätzen und ein Verständnis dafür zu bekommen, dass es nicht die Dinge sind, die uns glücklich machen, sondern z.B. Begegnungen mit Anderen, Naturerfahrungen, spielerische Betätigungen und das Entdecken der eigenen Möglichkeiten. Bei unserem Kindergarten eigenen Spielzeug (Ball, Seil, Malkreide, Bilderbücher, Pedalos …) handelt es sich um eine geringe Menge elementarer Spiel- und Sportmaterialien. Ausnahmen im Sinnes des situationsorientierten Ansatzes regelt die Kindergartenordnung.
Im Waldkindergarten spielt der achtsame Umgang mit der Natur eine besondere Rolle. So sollen die Kinder zum Beispiel aus dem Wald keine Tiere mitbringen und keine Pflanzen ausreißen, wenn dafür keine besondere Verwendung vorgesehen ist. Die Kinder sollen lernen, dass sie Gast im Wald sind und Tiere und Pflanzen respektieren müssen. In diesem Zusammenhang sammeln die Kinder hin und wieder Müll und achten darauf, selbst keinen Müll im Wald zu hinterlassen. Auf dem Kindergartengelände wird der Müll in Kompost, Glas-, Plastik-, Papier- und Restmüll getrennt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Umwelterziehung ist auch Nachhaltigkeit, also der sorgsame und umsichtige Umgang mit Materialien und Werkzeugen (Ressourcen).